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Autor: Hartmut Jetter

Dreieinigkeitskirche Gniebel

Pliezhäuser Straße 10
72124 Gniebel

Über 500 Jahre lang stand die alte Gniebeler Kirche samt Rathaus an dem bis heute nach ihr benannten Platz: dem Kirchenplatz. Und nun sollte sie ausgedient haben? Wie kam es dazu?

Der Sturm

Am 7. März 1967 schreibt Pfarrer Kunzi an den Oberkirchenrat und ans Landratsamt Tübingen:

„Der Dachreiterturm der evangelischen Kirche in Gniebel hat durch die Stürme der letzten Tage eine beträchtliche, mit dem bloßen Auge sichtbare Ostneigung bekommen.

Eine Inspizierung durch Pfarrer, Kirchenpfleger und Mesnerin hat gezeigt, dass von den Hauptbalken ein Strebeträger abgefault, der obere Querträger ganz gebrochen, und von der vor Jahrzehnten einmal angebrachten, zusätzlichen Unterbau-Hilfskonstruktion ein Strebebalken sehr stark ausgerissen ist.“

Eine Untersuchung durch Baurat Pottkamp am 17. März 1967 ergab dann, dass keine akute Einsturzgefahr besteht. Trotzdem ging es schnell voran.

 Der Brief

Am 10 Mai 1967 erhielten alle Gniebeler Gemeindeglieder einen Brief. Hier einige Auszüge:
„Seit 9 Jahren (1958) wird in unserem Ort der Neubau einer Kirche ins Auge gefasst
und dafür geopfert. Folgende Gründe führten dazu:

  1. Die bisherige Kirche wäre dringend der Erneuerung bedürftig. Die Kosten dafür wären wenig niedriger als die eines Neubaus.
  2. Die Kirche hat keine Fundamente. Sie zeigt daher bereits Risse.
  3. Die Kirche steht an einem für heutige Verkehrsverhältnisse sehr ungünstigen Platz. Die fünffache Straßenkreuzung erweist sich als immer gefährlicher. Das Rathaus wurde inzwischen geräumt und verlegt. Ob nach einem Abbruch des Rathauses die Kirche überhaupt stehen bleiben könnte, erscheint sehr fraglich.
  4. Der Turm hat bei den Stürmen der vergangenen Zeit Schaden gelitten.
  5. In jedem Jahr ist die Kirche mehrmals zu klein.

Deshalb wurde 1958 bis 1965 ein Neubaufonds mit 15.000.- DM aus Opfern und Spenden angelegt. In den vergangenen zwei Jahren kamen ca. 20.000.- DM hinzu. Der Bauplatz wurde gestiftet.“

Ein Spendenaufruf der nicht ungehört blieb, lag dem Brief bei.

Auch der Kirchenbezirk half mit:

Das Opfer am 17. und 20. November 1968 (Volkstrauertag und Buß- und Bettag) war im gesamten Kirchenbezirk für den Gniebeler Kirchenbau bestimmt.

Der Gesangverein Frohsinn Gniebel veranstaltete zu Gunsten des Kirchenneubaus ein Konzert in der Turnhalle.

Zwei Kirchen

Von nun an ging alles sehr schnell.

Unter der Leitung des Architekten Dipl. Ing. H. Schaber aus Reutlingen (später Baubürgermeister in Ulm) wurde die Dreieinigkeitskirche gebaut.

Zwei KirchenAm 30. Oktober 1971 um 16.00 Uhr war Grundsteinlegung. Der Grundstein aus Gniebeler Sandstein wurde von Steinbruchbesitzer Kurz gestiftet und von Bildhauermeister Gustav Fellbinger aus Großbettlingen mit der Inschrift „Friede sei mit euch“ versehen. Am 25. Februar 1972 wurde Richtfest gefeiert und am 15. Oktober 1972 war es dann soweit: um 9.30 fand mit Prälat Pfeiffer der erste Gottesdienst in der neuen Kirche statt. Die alte Kirche blieb vorerst stehen. 

Kurioses

Der Bußgeldbescheid:

Der Abbruch der alten Kirche im Zuge der Ortskernsanierung fand dann am Mittwoch den 3. Juli 1974 statt.
Bedingt durch einige Missverständnisse kam es dann am 19. Juli 1974 zu einem Bußgeldbescheid vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg:

„Die Tatsache, dass der Abbruch bereits vollzogen wurde, ist beim Denkmalamt mit Überraschung aus der Presse entnommen worden. Es ist also mit dem Vollzug des Abbruchs der Kirche wider besseres Wissen gegen gesetzliche Bestimmungen verstoßen worden. Diese Ordnungswidrigkeit kann mit einer Geldbuße bis zu 20000.- DM geahndet werden“

Es konnte nachgewiesen werden, dass in den Wirren der deutschen Bürokratie einige Schreiben fehlgeleitet wurden und tatsächlich alles seine Richtigkeit hatte.

Die Orgel:

Hauptkonservator und Orgelsachberater Dr. Walter Supper schreibt am 20. 12. 1974.
„Gerne bestätige ich, dass diese Orgel in allen Teilen eine mustergültige Ausführung aufweist. Bezüglich der künstlerischen Seite fügt sich das Orgelgehäuse – vom Kirchenarchitekten und der Orgelbauanstalt Oesterle zusammen entworfen – glücklich in den Raum.
Zwei Dinge müssen unbedingt noch nachgeholt werden:

  1. Die Metallträger, die das Orgelgehäuse hinter der Orgel halten, sind im Lokalton der Betonwand einzutönen. Das jetzt vorhandene Schwarz stört ungemein.
  2. Die Heizungseinrichtung oben im Spiegelschrank „scheppert“. Hier ist für eine satte, nichtmitschwingende Befestigung des Gitters zu sorgen. Am besten kleide man die Fugstellen satt mit Asbest aus.“ 

Beides wurde nie gemacht! Das Schwarz der Metallträger „stört“ seit 30 Jahren oder auch nicht. Die Heizung der Orgel „scheppert“ wie am ersten Tag und so sind wir vom Asbest verschont geblieben!! 

 Hartmut Jetter im Mai 2002 

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